Aktion «Beim Namen nennen» - Bericht Newsletter Solinetz

Aktion «Beim Namen nennen» - Bericht Newsletter Solinetz

 

Mitten in der Nacht, ich sitze in der Laurenzenkirche und schreibe Namen auf Stoffbänder. Ich schreibe 19mal, dass jemand aus der Subsahara an der Küste von Malta ertrunken war. Anschliessend schreibe ich 35mal, dass jemand aus Afrika an der Küste in Lampedusa an den Strand gespült wurde, ein Kind starb, als es über das kenternde Bord fiel, ein 14jähriger Junge wurde unterkühlt in einem LKW gefunden ……

Gleichzeitig werden gleiche und ähnliche Schicksale verlesen, 24 Stunden lang, 44'000 Namen mit den dazugehörigen Beschreibungen.

Dieser Tag macht etwas mit mir, er zeigt einmal mehr wie privilegiert ich bin und eine grosse Dankbarkeit durchströmt mich. Er zeigt aber auch eine immense Betroffenheit und gleichzeitig eine grosse Solidarität und vor allem eine riesige Ohnmacht und die Frage WARUM nimmt ganz viel Platz ein.

 

Während 24 Stunden werden den Menschen gedenkt, welche auf der Flucht nach Europa gestorben sind – 44‘000 Tausend Stoffstreifen müssten geschrieben werden, damit jede Person ein Andenken, ein kurzes Aufleuchten bekommt.

Ganz haben wir es nicht geschafft, im nächsten Jahr soll die Aktion wiederum durchgeführt werden, dann werden wir es schaffen – und dann werden es zusätzlich weitere Namen sein.

 

Viele Menschen jeden Alters halfen mit, die Namen zu schreiben, die Geschichten zu verlesen, die Stoffstreifen aufzuhängen und sehr viele Menschen liessen sich berühren. Eine bewegende Atmosphäre, eine mitfühlende Stille herrschte die ganze Zeit in der Kirche. Und gleichzeitig wächst die Streifenwand rund um die Kirche und dank dem Wind verbreiten die Streifen Leben.

 

Mit einem eindrücklichen Gottesdienst wird die Aktion abgerundet. Mit Worten, Texten und musikalischen Interpretationen wird die Ohnmacht durchbrochen und in Kraft und Hoffnung überführt. Constanze Broelemann erzählt von ihrem Einsatz mit dem Seenotrettungsschiff Sea Watch 4. Im gemeinsamen Gebet sind wir verbunden und es wird mir von Neuem bewusst, wir sind aufgerufen zu handeln.

 

Ein grosser Dank an alle die sich beteiligten und berühren liessen!

 

Weitere Infos und Hintergründe zur sich wiederholenden und in vielen Städte stattfindenden Aktion: www.beimnamennennen.ch/st.gallen

Aussagen/Gedanken

„Die Menschen sind plötzlich nicht mehr fremd und das macht die ganze Situation noch viel unerträglicher“ AL

 

«Und wir diskutieren ob Kirche politisch sein darf – als Christ bin ich dazu verpflichtet politisch zu sein!» DK

 

„Krass, einfach krass“ Konfirmand, während seien ganze Gruppe still am Tisch schreibt

 

„Ich weiss gar nicht was ich bin – traurig oder wütend? Ich weiss einfach, das darf nicht sein“ Firmandin

 

„Wenn ich die Streifen lese, werde ich ganz demütig und bin einfach nur dankbar hier zu sein“ PF

 

Eine Religionslehrerin meinte, nachdem sie mit allen Klassen eine Stunde lang Namen geschrieben hatte: „Ich habe einfach nur gestaunt, dass in allen Klassen in absoluter Ruhe geschrieben wurde“ SH

 

Ein 11 jähriger Junge sagte zu seinem Vater, nach dem er viele Namen geschrieben hat: „Daddi, Ich glaube, ich habe keine  Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben“ KU

 

„Beim Schreiben von 200 Namen wurde mir bewusst, wie wenig wert ein Menschenleben hat – ich habe 200x N.N geschrieben, weil der Name der Person nicht bekannt war“ SB